Hier, in diesem Dorf „Casares“ hatte die Gegenwart schon vor einem Menschenleben begonnen. Das müde Mauerwerk war liebevoll, aber nachlässig gekalkt und zeigte rissige Sprünge. Mich erinnerten diese Strukturen an ein altes, abgearbeitetes Gesicht.
Auf dem Dorfplatz wurde der Lastwagen mit den roten Butanflaschen entladen. Ein Schwarm dunkelhaariger Bengel mit verrutschten Kniestrümpfen und in kurzen Hosen balgten wie junge Hunde um einen Ball. Während ihre Schwestern Seilchen hüpften, schickte ein kleines Mädchen versonnen Seifenblasen auf die kurze Reise durch die Gasse.
Einige Frauen saßen auf der Sonnenseite der Gasse und schälten Kartoffeln. Oder woben sie flüsternd Intrigen?
Eine ältere Frau mit Einkaufskorb wechselte die Bürgersteigseite und verschwand im kühlen Schatten einer Gasse. Der Wind verfing sich in ihrem Rock, den sie mit der Hand raffte wie ein Segel. Irgendwo in einem Hinterhof, der von schmiedeeisernen Fenstergittern bewacht wurde, war sie plötzlich verschwunden. Üppige Geranien quollen von den Fensterbänken. Und die groß blättrigen Platanenpflanzen verliehen selbst den ausgebeulten, zum Teil weiß gestrichenen Blechkanistern, aus denen sie hervor schossen, einen malerischen Reiz. In diesem verlockenden Labyrinth der Gassen wurden meine Beine magnetisch schwer. Ein räudiger Dorfköter, der mir bisher gefolgt war, hob sein Bein.
Trotz des knisternden Kaminfeuers war mein Schlafzimmer, das nach hinten zum Berg lag, feucht. Dünne, wässrige Fäden durchzogen den Putz der Wände und an der Decke, im Schnittpunkt zweier Linien, die das Dach stützten, nistete der Schwamm.
Der Wind aus den Bergen war lange genug unterwegs gewesen. Und so rappelte er ungeduldig an meinen Fenstern und Türen, um sich Zutritt zu verschaffen, während er unten am Pool die Palme auspeitschte. Der Regen aber schlug gegen das Fensterglas und bildete bizarre Wasserstrukturen, während die schlanken Koniferen rauschten. Aber irgendwo hörte ich ein knarrendes Geräusch, als würde Holz geschlagen. Oder waren das knirschende Schritte auf dem Kiesweg? Natürlich waren im Schlaf die Geräusche nicht greifbar. Und selbst wenn es nur in den Deckenbalken knisterte, träumte ich, dass unsichtbare Wesen meine Finca umstellten. Sie stöhnten, seufzten und pfiffen sich zu, wenn sie sich durch die zugigen Ritzen der kleinen Schiebefenster schoben oder sich in den Schornstein stürzten, um den Rauch im Kamin vor sich her zu jagen.
Ich lag in meinem Bett und wagte mich kaum noch zu rühren.
Im Übrigen bedurfte es in dieser Jahreszeit eines Systems, um sich nachts, dazu noch in einer Finca ohne Heizung, zuzudecken. Ich präparierte also mein Bett wie ein großes Steckkissen, indem ich die Bettlaken und zwei Wolldecken straff unter die durchgelegene Matratze spannte. Dann glitt ich vorsichtig in dieses sackartige Deckengebilde. So wurde selbst der Schlaf zu einer disziplinarischen Übung. Denn veränderte man die Körperlage nur um Zentimeter, kühlte sich der feuchtwarme Film der Haut derart ab, dass man unangenehm fröstelte.
Wenn man also nicht frieren wollte, musste man nahezu regungslos schlafen. Bei entsprechender Übung lagen noch am nächsten Morgen die Hände streng am Körper wie bei einer Leiche.
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Ich schreibe Dir ein Lied
Weil es Dich so nicht mehr gibt
Sehn ich mich nach Dir
Liebe war es nicht
Also, ruf mich nicht an…!
Also, ruf mich nicht an…!
Schade, schade
Du warst nicht aus Schokolade
Aber Deine Küsse schmeckten
Wie süßes Gift…
Du suchtest einen Mann
Den es so nicht gab
Da musste jedes Meeting
Die Enttäuschung sein
Ich aber zog mich einfach nur an…
Ich aber zog mich einfach nur an…
Schade, schade
Du warst nicht aus Schokolade
Aber Deine Küsse schmeckten
Wie süßes Gift…
Sentimental warst Du nie
Und schon gar nicht bis auf die Knochen
Nur nachts legtest Du die Maske ab
Vor dem Schminktisch lag Dein Gesicht
Da wurde mein Puls plötzlich normal…
Da wurde mein Puls plötzlich normal…
Schade, schade
Du warst nicht aus Schokolade
Aber Deine Küsse schmeckten
Wie süßes Gift…
Nun lag ich da im Dunkeln wach
Oft ging ich lieber
Gleich gar nicht mehr ins Bett
Mit meinem Kummer
Zog ich mir die Glotze rein…
Zog ich mir die Glotze rein…
Schade, schade
Du warst nicht aus Schokolade
Aber Deine Küsse schmeckten
Wie süßes Gift…
Verlassner konnte ich nicht mehr sein
Als ich Zigaretten holte
In der Kneipe nebenan
Beim letzten Bier war mir dann klar
Diesen Film zieh ich mir nicht mehr rein…
Diesen Film zieh ich mir nicht mehr rein…
Schade, schade
Du warst nicht aus Schokolade
Aber Deine Küsse schmeckten
Wie süßes Gift…
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- Caspar David Friedrich,
- Wiesen bei Greifswald
Hans Claßen
Wiesenflur
Im Felde gereift,
Stand alle Sommer
Die Fülle der Frucht,
Seit aus Neolithikumsgräsern
Ackeranfang
Segen säte,
Bis wieder Gras
Korngarbenland
Überwuchs.
Hans Claßen, Mondlicht fiel auf Blütenstaub, Ffm. 2001, S. 34
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Gelegentlich treffen wir uns. Tom und ich. Denn Tom legt Wert auf mein Urteil. Zugegeben, das tut mir gut.
Immerhin ist Tom ein Schauspieler, den ich sehr schätze. Allerdings hatte er in seinem Beruf noch nie Erfolg. Dass er darunter leidet, muß ich nicht erwähnen. Und natürlich hat er Angst, dass man ihn irgendwann ganz vergisst. Dabei beherrscht er schon lange diesen schonungslosen Blick und die herablassende Attitüde. Und doch, da er nur selten ein festes Engagement hat, ist er vermutlich froh, wenn er mir, einem Anhänger seiner Schauspielkunst, immer wieder seine neuesten Monologe vortragen kann:
Wie ein Zirkusdirektor rolle ich ihm dann im Wohnzimmer die Perserbrücke unter „seinen“ Biedermeiersessel, während das Licht der Stehlampe unser Zimmertheater dämmrig beleuchtet, als säßen wir auf einem fliegenden Teppich.
„Irgendwann, als Jugendlicher“, sagte Tom und nippte am Wein, während er die Beine übereinander schlug, „reduzierte ich meinen Wortschatz auf die Fäkalsprache. Und daß ich `Alles Scheiße` fand, war ohnehin klar. Dabei war ich kein Jugendlicher, der nur das gut fand, was auch die anderen gut fanden. Und ich hatte auch nie diese Attitüde: Was geht mich die Schule an? Denn ich konnte mir gut vorstellen wie meine Zukunft verlaufen würde, wenn sich die Schule nicht mehr für mich interessieren sollte.
Auf der anderen Seite hatte ich das tiefe Bedürfnis von meinem Vater ernst genommen zu werden. Dabei stellte ich durchaus Fragen, die man später als Erwachsener vergisst. Auch ich wollte wissen, was die Welt zusammenhielt und warum? Aber mein Vater lächelte immer nur, als seien ihm die Geheimnisse der Welt vertraut. Dabei war er kein selbstzufriedener Patriarch, aber irgendwie schüchterte er mich trotzdem ein. Wenn ich ihm dann aber etwas erzählte, stellte er seine Zwischenfragen wie ein Lehrer. Das förderte nicht gerade die Unterhaltung, selbst wenn seine Kommentare geistreich waren. Mein Vater war einfach nicht in der Lage nur so daherzureden.
Selbst später, als Erwachsener, scheute ich mich mit Menschen zu sprechen, die ich für überlegen hielt. In diesen Momenten wurde ich spröde wie ein Esel. Da verließ mich jeder rettende Gedankenblitz, auch wenn ich bürokratenhaft präsent war. Dabei versuchte ich meine Sätze so sorgfältig wie möglich zu formulieren. Je mehr ich mich aber auf das Gespräch konzentrierte, desto öfter stolperte ich über diesen alten, kaum noch wahrnehmbaren Sprachfehler. Deshalb reduzierte ich oft meinen Wortschatz auf das Nötigste, um nicht zu schweigen. Meine Gesprächspartner aber mussten glauben, daß sie meinen Ansprüchen nicht genügten. Ja, “ lachte Tom, „ es gibt Verlierer die sind von den Gewinnern kaum zu unterscheiden. Das ist wie auf der Bühne.
Erst mit den Jahren begriff ich, dass die Erziehung meines Vaters aus einer Mischung von Faulheit und der Angst vor dem Versagen bestand. Wahrscheinlich hatte er mit sich selber ein Problem.
Aber trotzdem habe ich viel von ihm gelernt. Denn materielle Dinge konnten mich nie einschüchtern. Davon profitiere ich noch heute, “ lachte Tom unentschlossen. „Aber ein Leben als Geschäftsmann hätte mich nie interessiert. Dabei kann auch ich mich benehmen wie ein gutsituierter Bürger, der in aufgeräumten Verhältnissen lebt. Und ich kann so selbstgefällig lächeln, als betrachtete ich ein Möbelstück, das man jeden Tag abstauben muß.
Aber für mich ist das Leben nicht nur eine Geschmackssache. Denn selbst wenn ich gelegentlich mürrisch in die Welt blicke, weiß doch jeder, was meine Rolle von mir verlangt.
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Plötzliche Bekehrungen sind verdächtig. Das weiß ich. Und Konvertiten sind oft unerträglich. Aber, denke ich oft, warum sollte das Schicksal nicht auch einmal auf mich zeigen? Denn übersehen kann man mich nicht. Zumal auch ich mich immer danach sehnte das Unerreichbare erreichen zu wollen.
Oder sollte ich am Ende nur umsonst geträumt haben? Denn immerhin träume ich Träume, die sich ständig wiederholen.
Und wenn ich oft auch nicht so genau weiß, was sich gerade in meinem Traum abspielt, so kann ich doch an der Handlung nichts ändern. Wenn ich dann aber aufwache, denke ich oft:
Was kann schöner sein als die Wirklichkeit gegen einen Traum einzutauschen?
Aber auch vor meinen Alpträumen habe ich keine Angst. Denn wer seine Alpträume zu Papier bringt, wird sie immerhin los. Denn ist eine anständige, nichtreligiöse Erziehung keine gute Methode, um bei einem Kind metaphysische Bedürfnisse zu wecken?
Warum also soll man sein Kind auf der Suche nach dem Sinn des Lebens nicht so auf die Reise schicken? Denn von Gott kann sowieso jeder daherreden, weil er, dieser Gott, in Wirklichkeit kaum noch einem Menschen etwas bedeutet.
Sie sehen also, ich habe Grund genug zu büßen. Und die Sentimentalität eines Menschen, also auch meine, sollte man nicht unterschätzen. Denn ist das Ereignis, auf dem die Christen ihre Lehre aufbauen, nicht ohnehin die reinste Sentimentalität? Eine Geschichte nicht nur für schlichte Gemüter, sondern auch ein Trost für die Frauen. Denn dieser Jesus am Kreuz, immerhin ein Mann, konnte sich aus seiner misslichen Lage genauso wenig befreien wie die Frauen. Das verbindet.
Warum also sollte ich mich nicht für Wochen in ein altes Kloster zurückziehen? Hier konnte ich mich endlich in Ruhe hinter meinem Schweigen verstecken und behaupten ein Büßer zu sein
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