Die Weihrauchecke (21): Sigmund Freud oder Die Wahrheit mit doppeltem Boden
Die Weihrauchecke (21): Sigmund Freud oder Die Wahrheit mit doppeltem Boden
Wer von uns hat nicht in seinen Schülertagen die kleine Geschichte von Herbert Malecha „Die Probe“ (1955) lesen müssen?
Genau besehen aber konnte von „lesen müssen“ keine Rede sein – die drei Seiten waren einfach so spannend, dass Schule und Unterricht versanken; kaum waren die ersten Zeilen gelesen, bekam der Geist Flügel und war auf und davon…
War auf und davon mit Jens Redluff, einem steckbrieflich gesuchten Verbrecher, irrte hinter ihm her durch die nächtliche Großstadt und strandete mit ihm in einer zwielichten Kneipe.
Dort plötzlich die lang erwartete, lang befürchtete „Probe“, Zivilstreife in Ledermänteln, „Hundemarke“, Habichtsaugen unter der Hutkrempe. – „Ihren Ausweis!“ – Man blättert, hält den Pass unters Licht, der Pass ist tadellos, ein wenig zu neu vielleicht, ausgestellt auf den Namen „Wolters“. Schließlich gönnerhaftes Nicken. „Danke, Herr Wol—ters“, der Name, wie um ihn zu prüfen, in zwei Silben zerlegt. Dann Türeklappen, weg sind die Ledermäntel.
Großer Gott im Himmel! Die Probe! Die Probe ist bestanden!
Wie betäubt stolpert Redluff durch die Straßen, lässt sich vom Strom der Passanten treiben. Dann irgendwo eine große Halle, Gedränge,
Stimmengewirr. Redluff tritt über die Schwelle, geblendet von Scheinwerfern und Blitzlichtern. Jemand hält ihm ein Mikrophon unter die Nase, drückt ihm einen Blumenstrauß in die Hand. – „Herzlichen Glückwunsch! Sie sind der 100.000. Besucher unserer Veranstaltung! Sie heißen bitte?“
 „Redluff, Jens Red…“Â
Jetzt stockt er, will wieder ansetzen. Zu spät! – schon hat sich das „Redluff, Jens Red…“ aus den Lautsprechern über die Menge ergossen, ist sein Name in die hintersten Ecken gedrungen. Mit ungläubigem Staunen nimmt er wahr, dass sich einige Polizisten aus der Absperrung lösen und auf ihn zukommen… Â
Unnötig zu sagen, dass Redluff die „Probe“, genauer gesagt: die zweite, nicht bestanden hat. Irgendwas war schief gelaufen. Nur was genau? Wer weiß Antwort? Sigmund Freud (1856-1939) (Foto oben), der große Seelenarzt, der das 20. Jahrhundert geprägt hat wie kaum ein zweiter – er wüsste sie.
Doch vorab: Freud hat in Zusammenhang mit seiner Schöpfung, der Pschoanalyse, gegen Ende seines Lebens die bemerkenswerte These vertreten, dass das Selbstwertgefühl des Menschen eine dreimalige traumatische Kränkung erlitten habe:
1) durch den Wandel vom ptolemäischen Weltbild (die Erde ist Mittelpunkt des Planetensystems) zum kopernikanischen (die Sonne ist dessen Mittelpunkt);
2) durch die Deszendenztheorie Darwins (der Mensch hat sich in Jahrmillionen erst zum heutigen Homo sapiens sapiens [so!] entwickelt);
3) durch seine, Freuds, Psychoanalyse, die den Nachweis geführt habe, dass der Mensch nicht „Herr im eigenen Hause“ sei, dass vielmehr im „Keller“ (durch die Triebe, das „Es“) kräftig mitregiert werde, wobei dem Ich in „Parterre“ Hören und Sehen vergehe.
Was hieße das auf unsere Geschichte bezogen? – Jedenfalls nicht, dass Redluffs Missgeschick, salopp gesagt, einfach ein Versprecher war, sondern, wie Freud es bezeichnete, eine „psychologische Fehlleistung“.
Der Begriff weist eine beachtliche Bandbreite an einschlägigen Phänomenen auf: vergessen, verlaufen, verwechseln, verlieren, versäumen, verlegen, vergreifen, verwechseln, verrechnen, verschreiben, verhören, verschlafen u.ä. (die Vorsilbe ver- steht für Misslin
gen; sie darf nicht mit dem perfektiven ver- gleichgesetzt werden: verscheiden, verlieben, vertrauen, verneigen u.ä.).
Zu dem, was damit gemeint ist, ein von Freud selbst (in der „Psychopathologie des Alltagslebens“) angeführtes Beispiel. Es geht um das Versprechen (im Sinne der Fehlleistung):
Der Chef einer Firma, ein übler Typ, der seine Mitarbeiter schikaniert, feiert Geburtstag. Der kleine Angestellte, der ihn hasst, hat die „Ehre“, den Trinkspruch ausbringen zu dürfen. Zaghaft ergreift der Mitarbeiter das Glas und sagt: „Wir wollen nunmehr auf das Wohl unseres geschätzen Chefs – aufstoßen…“ Peinlich, peinlich! Er meinte natürlich „anstoßen“.
Für Freud kommt hier ein bemerkenserter Mechanismus ins Spiel: die sogenannte Interferenz (Überlagerung) zweier Intentionen (Absichten), nämlich einer bewussten und einer unbewussten.
Die bewusste Absicht lautet: ‘Ball’ die Tasche in der Faust, sag’ dem Ekel was Nettes; vielleicht lässt er dich in Ruhe, und im übrigen, vielleicht wird er dir bald die überfällige Gehaltserhöhung genehmigen.’
Die unbewusste Absicht artikuliert sich so: ‘Widerlicher Kerl! Rülpsen [= Aufstoßen]? O ja, mit Wonne! Aus tiefster Seele, am besten zehstimmig, mag er rollen – der Rülpser… Da, Chef! — für dich!’Â
Beide Absichten (Intentionen) überlagern sich, und da keine sich ganz durchsetzen kann, kommt es zur sog. Kompromissbildung – eben zur Fehlleistung („aufstoßen“).
Etwas verwickelter ist der Fall Redluff. Seine Fehlleistung ist ja eigentlich kein Versprechen, sondern ein Vergessen: Redluff hat den Falschnamen „Wolters“ im entscheidenden Moment „vergessen“. Die bewusste Absicht war, stets „Wolters“ zu
heißen, möglicherweise jedoch – und hier nähern wir uns dem Kern der Dinge –, war es Redluffs unbewusste Absicht, die Wahrheit zu sagen! – Starker Toback, meinen Sie?
Nun, schon die alte kriminalistische Weisheit, dass eine Vielzahl von Tätern an den Tatort zurückkehrt (übrigens, nicht um Spuren zu verwischen, was in vielen Fällen nur zum Gegenteil, zur Verschlimmbesserung, führen würde), hat mit einer der drei Instanzen des drei-schichtigen Seelenmodells Freuds zu tun: dem Über-Ich (neben Ich und Es).
 Hier, am Sitz aller erworbenen oder natürlichen Moral, aller Ideale, Grundsätze, wirkt die unbewusste Absicht, sich selbst „ans Messer zu liefern“, hier waltet ein Sühne- und Selbstbestrafungsbedürfnis. Und genau das dürfte bei Redluff im Spiel gewesen sein, oder, anders ausgedrückt: Redluff ist seinem Gewissen nicht entronnen! (Ähnlich die sog. „Feuerteufel“, die häufig tatkräftig an der Bekämpfung des selbstgelegten Brandes mitwirken und durch ihren Übereifer erst den Verdacht auf sich lenken.)
Sie ahnen, worin Freuds unvergängliches Verdienst besteht: nicht nur in der ärztlich-psychiatrischen Hilfe, um der psychischen Zivilisationskrankheit Nr. 1, der lebensvergiftenden Neurose, beizukommen – auch für unser Menschsein insgesamt ist ungeheuer viel ausgesagt. Geradezu erschütternd, bis ins Mark erschütternd ist die Erkenntnis, dass unser
e Meinungen, Ansichten, selbst Grundsätze nie ganz „rein“ sind, immer wieder Beimegungen von Triebhaft-Egoistischem, Asozialem oder Aggressivem aufweisen; dass das, was wir für Wahrheit in unseren persönlichen Belangen ausgeben, „wurmstichig“ oder, wenn Ihnen das sanfter klingt, doppelbödig ist.
Die „Weihrauchecke“ würde den Namen nicht verdienen, wenn sie nicht vermerkte, dass sich Freuds Anschauungen mit der christlichen Überzeugung von der grundsätzlichen Gebrochenheit des Menschen und seiner angeborenen „Schlagseite“ zum Bösen in manchem berührt.
Ob freilich Freuds Glaube an die Vernunft – Freud hat trotz unsäglichen Leidens (Diffamierungen übelster Art, politische Verfolgung durch die Nazis, die düstere Gewissheit von der bevorstehenden großen Schlächterei, schließlich ein qualvoller Tod im Londoner Exil 1939) diesen Glauben tapfer aufrechterhalten und nie aufgegeben – ich wiederhole: ob Freuds Glaube an die Vernunft das einzige Feuer ist, das wärmt, bleibt offen. Â
Freuds Größe und Verdienst schmälert er freilich nicht.         Â
                                                                    Â







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