Paradies in Umständen ( XXVI und Schluss )


Das Kafenion erinnerte an einen hohen, lagerartigen Raum, den ein kaltes Neonlicht  gnadenlos ausleuchtete. Der Generator, der für dieses giftige Licht sorgte, surrte hinter dem Kafenion.
Die
Männer und Frauen des Dorfes saßen dicht beieinander gedrängt um die kleine Tanzfläche herum. Heute wurde hier ein Fest der Familien zu Ehren des Schutzpatrons Johannes gefeiert.

Die Kinder liefen hin und her, um dann in vorgerückter Stunde, unterstützt von einem Glas Bier, auf dem Schoß der Eltern einzuschlafen.

Die Zweimannkapelle  mit der Bouzouki, eine Mandolinenart, sowie  einem weiteren Streichinstrument, saß schweißüberströmt  auf  dem  wackeligen  Podest zusammengestellter Limonadenkästen.

Costa organisierte für uns Stühle und Bier. Und Niko zog Maren auf die Tanzfläche.

Ein junger Mann, der tagsüber als Bauarbeiter auf dem Bulldozer saß, sprang unter dem Beifall seiner Freunde auf, lief zum Mikrophon und deutete mit einer Handbewegung den Musikern an, dass sie ihr Spiel unterbrechen sollten. Der Lautsprecher verzerrte seine Worte, die aber trotzdem den Saal zum Lachen brachten. Jetzt sprang der junge Mann auf die Tanzfläche und rief der Kapelle laut zu:

„Ela! Ela!“

Die beiden Musiker griffen tief in die Saiten. Der Vortänzer schleuderte den Kopf in den Nacken, stieß urtümliche Laute hervor, machte einen fast mannshohen  Sprung, klatschte in die Hände und stemmte die Arme in die Hüften. Federnd stieß er die Beine abwechselnd von sich und schrie: „Ela! Ela!“

Auch ich stand auf, legte das schlafende Baby einer alten Frau in den Arm, quetschte mich durch die Stuhlreihen, warf wie die Einheimischen hundert Drachmen auf das Musikpodest und stand schon auf der Tanzfläche.

Die Tanzwilligen bildeten, soweit es die Platzverhältnisse zuließen, um den Vortänzer einen großen Kreis. Langsam, zwei Schritte rechts, einen nach links - der Fuß berührte dabei nur so eben den Tanzboden - bewegten sie sich um ihn, den Mittelpunkt, herum.

Plötzlich nahm das Tempo der Musik derart zu, dass einige Tänzer, so auch ich, kapitulierten. Die Bouzouki spielte um ihr Leben bis die Saiten glühten, während sich der Vortänzer im Schweiß auflöste. Die Musiker aber stampften immer heftiger mit den Füßen bis ihr Atem keuchte, als ob sie nur noch die Töne spuckten.

Plötzlich war dieser Tanz hier keine  Auflockerung mehr im  Rahmen einer Familienfeier, sondern ein höchst persönliches Anliegen des männlichen Geschlechtes, das sich nur noch auf sich selbst konzentrierte.

Und schon fingen die Knie wie Sprungfedern den wippenden Körper auf, um ihn dann im gleichen Augenblick zurück zu schleudern. Die Arme aber waren wie Adlerschwingen ausgebreitet, als ließe sich so die Schwerkraft überwinden, während die Füße wie Kreisel wirbelten bis sich der Blick in tranceartigen Bewegungen verlor, von der Umgebung entrückte wie die Liebe und der Tod.

Als spät in der Nacht das Fest seinem Ende zuging, strich noch immer ein warmer Windzug über die Dorfstraße.  Der große Bär zog gemächlich den Himmelswagen, während sich die Milchstraße von Horizont zu Horizont spannte. Aber in meinem Ohr lebte der weinerliche Klang der Bouzouki.

 

 

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