Paradies in Umständen ( XXIV )


Als ich drei Tage später frühmorgens zu meinem Wagen ging, um nach Mires zu fahren, einkaufen, traute ich meinen Augen nicht. Der knorrig gebückte Feigenbaum, eine Art Freiluftgarage, spendete seinen Schattenring nicht nur unserem 2CV, sondern beschattete außerdem noch eine dreiköpfige Familie, die auf gepäckartigen Bündeln saß. Kaum sahen sie uns kommen, standen sie verlegen lächelnd auf  und nickten uns freundlich zu.

„Kalimera!“

Ich konnte kaum ihren Morgengruß erwidern, da sagte der Mann schon:

 „Mires?!“

Dieser durchaus freundliche Tonfall ließ keine fadenscheinigen Ausreden zu. Obwohl, mir war schleierhaft, woher dieser Mann wusste, wann und wohin wir fahren wollten. Der kleine Mann aber lachte nur ungezwungen wie ein Kind und zeigte dabei sein imposantes, lückenhaftes Gebiss:

„Adelphos Matthäus, katalava?!“

Nun war mir alles klar. „Katalava“. Pan, der einige Tage zuvor unseren Weg gekreuzt hatte, war sein Bruder. Offenbar hatte ihm Maren erzählt, dass wir  jeden Samstagmorgen zum Markt nach Mires fuhren. Pan hatte uns einfach weiterempfohlen. Von Dorf zu Dorf. Warum sollten wir also allein, sozusagen als Leergut, nach Mires fahren, obwohl sein Bruder dasselbe Ziel hatte?- wird er sich gedacht haben.

„Mires?!“, sagte der Mann jetzt noch freundlicher.

 „Ne“, nickte ich, wenn auch das griechische „Ja“ wie ein deutsches „Nein“ klingt.

„Mama, Mires“, lächelte die Frau, Pan`s Schwägerin, und quetschte  sich mit ihrem kleinen, hohlwangigen Töchterchen auf den Rücksitz des 2CV.

„Auto mikro“, sagte ich halb entschuldigend.

„Nix Problem, nix problem“, sagte Niko, unser neue Begleiter. „Nero, Potatas, Tomatas, Krowachi.“ Nicht ohne Stolz zeigte er auf die undefinierbaren Bündel, die seiner Familie soeben noch als Sitzgelegenheit gedient hatten. Zwei abgezogene Kaninchen, eingewickelt in Zeitungspapier, hingen  an einem Ast des Feigenbaumes.

 „Auto?“, fragte ich und wies auf das ungewöhnliche Gepäck.

„Ne“, Pans Bruder nickte.

Gemeinsam packten wir also einen Kartoffelsack, eine Korb mit Zwiebeln, einen kleinen Koffer, einen  Pappkarton, eine Doppelmatratze und einen Blechkanister mit Olivenöl auf den Dachgepäckträger.  Die 2 CV- Ente sackte in sich zusammen und  stöhnte kläglich unter dem Standgas.

„Wir haben noch sechs Wochen Garantie“, lachte Maren und fotografierte das eingeschüchterte Auto.

Der kleine, sehnige Mann, Pans Bruder, wischte sich mit einem großen Taschentuch über die Stirn, den Nacken und setzte sich neben seine Frau, die die stumme Tochter auf dem Schoß hielt.

„Endaxi. Gut“, sagte Niko und lächelte zufrieden.

Unterwegs erfuhren wir, dass Nikos Freund aus Mires Geburtstag hatte. Aber das Haus eines Fremden oder eines Freundes, betritt ein Kreter niemals mit leeren Händen. Das verbietet sein Ehrgefühl. Die Ente bekam es zu spüren.

Giessen

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