TomTom
Wenn ich aber TomTom besuchten wollte, fühlte ich mich in diesem versteppten Gelände, in dem die Halle lag, immer wie ein Verdächtiger, der ein unverschlossenes Fenster sucht, um einzusteigen.
Als hinter mir die Eisentür ins Schloss fiel und ich im Gegenlicht TomTom unter dem grossen Fenster bei der Arbeit sah, glaubte ich für einen Augenblick eine versunkene Kultur zu betreten.
TomTom hockte auf wundersamer Weise raubtierhaft auf einem länglichen, baumdicken Holzblock, den er schon seit Wochen bearbeitete. Sein Hemd hing aus der Hose und seine Haare standen wirr vom Kopf. Gelegentlich zuckte er wie ein Tier, das sich lästiger Fliegen erwehrt, um sich dann mit dem Ärmel über das Gesicht zu fahren.
Dabei grinste er vor sich hin wie ein Verschwörer, der sich in seinem Versteck sicher fühlte.
Als er mich aber sah, hob er seine Hand und rief mir zu:
„
Und ich sagte dann jedes Mal:
„Störe ich Dich?“
TomTom aber lächelte nur, während sich sein Gesicht maskenhaft verzog:
„Wenn ich nur dann Menschen treffen wollte, wenn ich keine Arbeit habe, wäre ich immer allein…“
Ich glaube er war froh, wenn man ihn von seiner Arbeit abhielt. Dann hockte er plötzlich entspannt auf seinem Holzblock wie ein Kind, das die Beine baumeln liess.
TomTom hielt mir die Zigarettenschachtel hin, bevor er sich selber eine ansteckte:
„Streß?!“ sagte Tomtom und sah mich gutmütig an.
„Das Wort kannst Du ja nicht einmal schreiben…,“ sagte ich und liess mich in den Sperrmüllsessel fallen.
„Ich hatte Glück in meinem Leben, “ sagte Tomtom sachlich. „ Mein Vater hat mich schon früh aus dem Haus geworfen. Und so lernte ich sozusagen über Nacht auf alles zu verzichten, an das ich mich hätte gewöhnen können. Damals gab es einen Punkt in meinem Leben, an dem ich für mich erkannte, dass ich weder erwachsen werden wollte, noch war ich bereit mein Leben so ernst zu nehmen wie es meine Umwelt von mir erwartete.“
„
„Ja…, “ sagte TomTom und er klang zufrieden: „ Ich verlangte noch nie viel von meinem Leben. Aber immerhin wollte ich immer mein eigenes Leben leben.
Selbst heute noch bin ich erstaunt, daß die Gesellschaft sich Pläne für die Menschheit ausdenkt, aber wenn man als Einzelner glaubt eine Vision verfolgen zu müssen, schüttelt jeder den Kopf.
Kurz, ich hatte noch nie Lust auf Dinge zu reagieren, die sich sowieso von selbst verstehen. Und so wollte ich auch nie im Windschatten meiner Eltern leben. Und schon gar nicht im Windkanal meines Vaters. Das Witzige dabei ist nur, ich wurde am selben Tag wie mein Vater geboren. Sogar fast zur gleichen Stunde. Nur 27 Jahre später.
Aber der Volksmund behauptet ja: man lerne aus seinen Fehlern. Damit habe ich also schon früh begonnen..,,“ lächelte TomTom schief.
„Also, Deinen Vater kenne ich noch, “ sagte ich sachlich.
“Und…?“ sagte TomTom.
„Du hast wirklich viel Ähnlichkeit mit ihm…“
„Vorallem habe ich seinen Jähzorn geerbt, “ lächelte TomTom, als fühlte er sich bestätigt.
„Vielleicht bist Du deshalb Bildhauer geworden…“
„Das macht Sinn…, “ lachte TomTom, der noch immer rittlings auf dem Holzblock saß. „Für dieses verdammte Material hier braucht man eine unendliche Wut. Du siehst ja selber, es wird nicht mehr lange dauern, dann werde ich meine Frau aus diesem Holz befreit haben…”
„Das dauert noch…, “ sagte ich. „… aber um diese Arbeit beneide ich Dich nicht…“
TomTom sog an seiner Zigarette und lächelte:
„Aber sie mal, immerhin hat sie schon ein Bein ausgestreckt…“
„Du bist der Gott, der seine eigene Frau erschafft…,“ sagte ich und blätterte in einem zerfledderten Ausstellungskatalog.
„Aber dieses verdammte Weib ist noch sturer, als es die Natur erlaubt, “ sagte TomTom und stieß sein Schneidewerkzeug erneut in das Holz, als sei er wütend.





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