Das Philo-Sofa: Zynismus oder Wahrheit?

 

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Der Dichter und Arzt Gottfried Benn (1886-1956) schrieb im kriegszerbombten Berlin 1947 den Essay „Der Ptolemäer. Berli- ner Novelle“.

 

Wir bitten, auf dem Philo-Sofa Platz zu nehmen. Ist, so lautet un- sere Frage, Benns These  Zynis- mus oder Wahrheit? Jede sachli- che Meinung ist willkommen.

 

Gottfried Benn:

 

Das Leben – dies Speibecken, in das alles spuckte, die Kühe und die Würmer und die Huren –, das Leben, das sie alle  fraßen mit Haut und Haar, seine letzte Blödheit, seine niedrigste physiologische Fassung als Verdauung, als Sperma, als Reflexe – und das nun noch mit ewigen  Zwecken garniert – […], hier lag in der Tat der Kern der allgemein hingenommenen Konzeption des Seinsgrundes.

 

 Der Ptolemäer. Berliner Novelle. 1947

 


6 Kommentare zu “Das Philo-Sofa: Zynismus oder Wahrheit?”


  1. Das ist die Reduktion des Lebens auf das, was übrigbleibt, wenn man die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichem Sein in den Trümmern der Ideologeme und dem idealistischen Denken betrachtet, wenn man sieht, was sich trotz des Kanons der moralischen Werte ereignet hat: Völkerabschlachten. Man mußte 1947 die moralischen Werte nicht mehr in den Mülleimer werfen, denn sie lagen längst darin, und auch wenn sie wieder herausquellen, so sind sie doch auf alle Zeit fragwürdig geworden. Oder richtiger noch: Ihre Fragwürdigkeit trat allen Sehenden vor Augen, aber sie hatten nicht mehr die Kraft, diese zu reiben. Noch Raskolnikow hatte unter seiner Tat gelitten, aber nun war das “moralische Fluidum”, wie Benn das nennt, zur Ruhe gekommen.

    Was bleibt für Benn, ist individualistische Ästhetisierung in der Nachfolge Spenglers und vor allem Nietzsches. Benn nennt das prismatischen Infantilismus, Kinderspiele auf Erwachsenenniveau. Auch der Schöpfer, so vermutet Benn, hat nicht mehr vor mit den Menschen als “seine übliche Spielerei”, und das Gerede von der Menschheit ist nichts als Propaganda ohne jede teleologische Relevanz.

    Dem Irrationalen im Sein ist mit dem Denken nicht beizukommen, deshalb wird das Denken nur noch als eine Art mechanischer Zwang wahrgenommen, und es bietet sich für den einzelnen als Aufgabe (in seiner doppelten Bedeutung) der Ausweg, der keiner ist: sich abzufinden und mit Seeblick zu privatisieren. Und das Spiel der Kunst. Soweit Benns verbittertes Resümee.

    Zynismus? Oder Wahrheit? Als wären diese Begriffe antonymisch. Was ist Zynismus? Die Antwort auf diese Frage hängt von der subjektiven Interpretation des Fragenden ab, von seiner Definition, die wiederum abhängig ist davon, wie er Wahrheit definiert. Dem Wahrheitsbesitzer ist jede spöttische Abweichung von seiner Wahrheit Zynismus. Erst recht die kritische Dekonstruktion seiner Wahrheitsbasis. In diesem Fall ist man versucht zu sagen, Benn spricht die Wahrheit auf zynische Art und Weise aus. Aber in Wirklichkeit ist es nur bitterer Sarkasmus, den wir hier sehen. Und Benns Wahrheit ist nur seine Wahrheit, so wie meine meine ist und deine deine; denn die alleinseligmachende Wahrheit propagieren nur Lügner, Gläubige und Verblendete.

    Wahrheit ist stets perspektivisch, und nur einer könnte all diese verschiedenen Perspektiven zu einem Ganzen zusammenfassen. Das wäre dann die Wahrheit der Wahrheiten. Wir können das nicht, denn wir sind nur kleine Göttchen oder wären nur winzige Schnipsel vom großen Gott, wenn es ihn gäbe. Aber ob es ihn gibt, das wissen wir nicht.

    (Übrigens, ich wohne nur ein paarhundert Meter von Benns ehemaliger Praxis in der Belle-Alliance-Straße entfernt, und ich habe jedesmal, wenn ich dort vorbeikomme, ein Gefühl von melancholischer Begegnung. Aber das nur am Rande.)

  2. 2Dr. B. Denken

    Lieber Lyriost,

    schwere Kost das Ganze! Aber, wenn Sie gestatten: Ich denke dabei an den Nährwert von Schwarzbrot im Gegensatz zur Rosinensemmel. Das eine ißt sich, fast ohne zu kauen, das andere liegt wie ein Stein im Magen, wetzt jedoch die Zähne und fördert den Stoffwechsel.

    Als Vorab-Antwort: Muß der Zynismus nicht “antonymisch” zur Wahrheit sein, weil er sie (ähnlich wie die Satire) bewußt verzerrt, aber sie, seltsam genug, gar nicht im letzten leugnet? Ist der Zyniker, so gesehen, nicht eine Art “tiefgefrorener” Idealist (Idealist in seiner tiefsten Bedeutung genommen: jemand, der dem Fascinosum einer Idee erlegen ist und nicht mehr von ihr loskommt) — ein Idealist, der sich, bedeckt mit schlecht vernarbten Wunden, waidwund durchs Leben schleppt?

    Für heute nur so viel zu Benn: Daß er der “Wahrheit”, fern jeden Zynismus’ oder Sarkasmus’, in herzlich gewinnender Weise die Ehre zu geben vermag, steht für mich unzweifelhaft fest, wenn ich die letzte Strophe des (postum veröffentlichten) Gedichtes “Hör zu” mir vergegenwärtige:

    Mehr warst du nicht, doch Zeus und alle Macht,
    das All, die großen Geister, alle Sonnen
    sind auch für dich geschehen, durch dich geronnen,
    mehr warst du nicht, beendet wie begonnen –
    der letzte Abend — gute Nacht.

    Herzlich

    B. Denken

  3. Lieber B. Denken,

    man wird nicht als Schwarzbrotesser geboren, sondern als Milchtrinker. Ebensowenig ist einer von Jugend an Zyniker; wer war nicht in seiner Jugend Idealist, wenn er überhaupt etwas war? Daß Zynismus eine Art “tiefgefrorener” Idealismus sein könnte, ist ein Gedanke, der sich in der Tat aufdrängt, so wie ja auch eine übergroße Liebe bisweilen in heftige Abneigung umzuschlagen scheint.

    Nur wird diese einmal entwickelte Abneigung nur sehr selten auch bei veränderten Rahmenbedingungen wieder in Liebe umschlagen. Und so wird auch der Zyniker nach dem Auftauen, wenn es dazu kommt, nicht wieder zum Idealisten werden, sondern allenfalls etwas milder gestimmt sein. Was vorbei ist, ist vorbei. Das Ende beleuchtet im günstigsten Falle der Kerzenschein der Elegie.

    Herzlich
    Lyriost

  4. 4Dr. B. Denken

    Lieber Lyriost,

    ich weiß nicht, ob Sie diese Flaschenpost noch erreicht — zu lange liegt der obige Beitrag vielleicht schon zurück. Das wäre das selbstauferlegte Schicksal derer, die sich (ähnlich wie die Protagonisten in Stanley Kubricks “Odyssee 2000″) in die unendliche Weite eines Kosmos (Internet) hinauswagen. –

    “Schwarzbrotesser” — “Milchtrinker”: Sicher, wir werden als Milchtrinker geboren, aber als was für welche! Wenn Sie der Name Aurelius Augustinus nicht abschreckt, dann hier ein Gedanke, der geradenwegs auf den Kern des Problems führt:

    Ita imbecillitas membrorum infantilium innocens est, non animus infantium, so sagt er zu Beginn der Confessiones (I, 7, 11) und fährt fort: Ich selber sah einen eifersüchtigen Kleinen und machte meine Erfahrung an ihm: noch konnte er nicht sprechen, aber bleich, mit bitterbösem Blick schaute er auf seinen Milchbruder (conlactaneus) hin.

    Merken Sie, worauf es hinauswill? –

    Herzlich

    B. Denken

  5. Lieber B. Denken,

    peccatum originale originatum.

    Herzlich
    Lyriost

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