Mortuus et sepultus est (I)
Mortuus et sepultus, descendit ad inferos – Gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, so heißt es bekanntlich im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Schauervolle Worte! Sie könnten die Frage provozieren, ob der Tod dessen, der von sich gesagt hat, er sei die Auferstehung und das Leben, nicht ebenso endgültig ist wie der der ungezählten Vielen vor und nach Ihm. Kaum weniger tröstlich ist die Vorstellung, dass jemand, jenseits des Grabes, in einer Verlassenheit, die der seines Todes in nichts nachsteht, die äußersten Grenzen der Unterwelt abgeschritten hat. Was wunder also, dass jene drei Tage der Grabes-stille allgemein so wenig Beachtung gefunden haben, ja, geradezu schamhaft ausgespart worden sind (in der Theologie ebenso wie in der Kunst).
Als eine der ganz wenigen Ausnahmen gilt Der tote Christus im Grabe von Hans Holbein dem Jüngeren (1497/98-1543) (Abb. u. l.), entstanden 1521 in Basel. Holbein verzichtet auf allen Glorienschein und Triumph des Ostermorgens; sein lebensgroßer Christus ruht in
einem Sarg, von dem die Seitenwand abgenommen ist und dessen Ausmaße exakt dem Bildformat entsprechen (30, 5 x 200 cm). Der Gekreuzigte verkörpert die tote Kreatur in all ihrer Kläglichkeit: Der Rigor mortis ist bereits eingetreten, Hände und Füße sind im Todeskampf erstarrt, Augen und Mund sind in der Stellung verblieben, die sie im Augenblick des Todes innehatten, die Fingernägel sind verfärbt, das Fleisch hat stellenweise eine grünliche Färbung angenommen – untrügliches Zeichen der einsetzenden Verwesung. Überhaupt ist der Körper alles andere als schön: hager, ja, ausgemergelt der Rumpf (aus dem der Nabel deutlich hervorragt), der Kinnbart grotesk nach oben gekehrt, wulstig die Lippen, die Nase überproportioniert. Ein Gerücht will wissen, dass Holbein seine anatomischen Studien am Leichnam eines ertrunkenen Rheinfi-schers betrieben hat.
Es ist ein Glücksfall der Kulturgeschichte, dass sich das Gemäl
de Holbeins sogar einen Platz in der Weltliteratur erobern konnte: In Dostojewskis (Abb. r.) Roman Der Idiot (1868) spielt Holbeins Toter Christus eine leitmotivische Rolle. Vorausgegangen war Dostojewskis Begegnung mit Holbeins Werk ein Jahr zuvor im Baseler Kunst-museum. Regunglos verharrt der Dichter minutenlang im Beisein seiner Frau Anna Grigorjewna vor dem Gemälde, das Gesicht verzerrt. Dann bricht es aus ihm hervor: Vor diesem Bild kann einem der Glaube vergehen!
Doch nichts weniger als Unglaube oder Zweifel hat Holbein im Sinn. Der Zeitgenosse und Freund Luthers nimmt, dem Evangelisten Johannes folgend, das Wort Fleisch lediglich in seinem ganzen Ernst und in der Weite seiner Bedeutung: Und das Wort ist Fleisch geworden. Von daher ist auch das Wort, in bitterer Konsequenz, der Vergänglichkeit und Verwesung unterworfen. Um so frappanter ist die Durchbrechung des ehernen Prinzipes — das Wunder des leeren Grabes!






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