Feierabend-TV

Wir rücken im Wohnzimmer zusammen:

Denn hungernd liegen uns die Kinder zu Füssen und irgendwo bellt die Artillerie. Auf einem Programm tobt der Bürgerkrieg und dort oben am Sendehimmel der Krieg der Sterne. Schon steht der Wald in Flammen und die Flüsse treten über die Ufer.

Diese Bilder wirken auf uns wie ein stimulierendes Gift. Schlechten Nachrichten leben von spektakulären Bildern, die authentisch erscheinen.

Zusammenhänge erklären sie nicht. Schaurig schöne Bilder, an die wir uns gewöhnt haben. So nehmen wir die Wirklichkeit wahr, weil wir glauben überall dabei zu sein.
Wer auf allen Kanälen zu Hause ist darf sich als Individuum fühlen. Hier hat jeder Anspruch auf seinen Egoismus, die Gewalttätigkeit und Sentimentalität. Jetzt kannst Du lauthals die Autoritäten beschimpfen, denen Du Dich im Alltag  unterwirfst. Was für ein wunderbares Gefühl alle Werte, zu denen Du Dich tagsüber bekennen mußt, ästhetisch so zu dämonisieren, als sei das Leben dort auf dem Bildschirm nur noch ein Ritual von Katastrophen. Oder glaubst Du, daß die Welt durch ihre Katastrophen zusammengehalten wird?Würden diese Bilder nicht mehr übertragen, wir wären irritiert. Ja, unser Wohlbefinden hängt geradezu an diesen bebilderten Schlagzeilen. Ein Feuerwerk grosser Gefühle illuminiert unsere geheimen Wünsche, die in uns wabern wie eine amorphe Masse, die Gestalt annehmen möchte. Und da die Multiplikation der Programme nur noch verwirrende Eindrücke hinterlässt, rufen wir: „Ach, wie schrecklich…!“  und im gleichen Augenblick: „Da kann man sowieso nichts machen…“ Auch Du weißt schon lange: Das Leben ist hart und grausam. Vorallem, wenn Du Dich alleine fühlst. Wer möchte sich da nicht anlehnen? Hoffentlich schaut heute Abend die Frau von den Nachrichten  vorbei. Ob ihr unser neuer Teppich gefällt? Auch Du  kannst nicht ohne Trost leben. Hab nur Geduld, dann drücken  die Schönen der Nacht ihr gieriges Mäulchen auch auf Deinen Bildschirm. Oder  sehnst Du Dich auf Deinem Sofa nicht nach der Erlösung? Das sind gute  Vorraussetzungen  sich wortlos zu unterwerfen. Das Wort  Fremdbestimmung magst Du nicht. Aber gleichzeitig ist das der erste Schritt totalitäre Organisationsformen zu akzeptieren. Deswegen kommt spät am Abend auch der Kommissar vorbei und schaut noch einmal nach dem Rechten.  Bis hierher funktioniert das „Wir“-Gefühl.

Ist das nicht Grund genug sich selbst nicht zu ändern? Warum sollen wir uns wehren, wenn sich das Leben der Menschen so verhält, wie es die Bilder suggerieren? Einerseits wünschen wir uns einfache Problemlösungen. Auf der anderen Seite sind wir kaum bereit Schwierigkeiten gemeinsam zu definieren.

Dem übergreifenden Handlungswillen entziehen sich Menschen oft nur dadurch, weil sie sich nach Aussen hin anpassen, aber in ihrem Inneren wabert  der Widerstand. Erst jetzt können sie in Ruhe ihre Empörung  genießen. Wie soll sich da Solidarität entwickeln, um das, was den Menschen  bedroht, abzuwenden?  Oder lechzt der Mensch danach, dass die anstehenden Probleme unlösbar bleiben?

Was ist dagegen schon eine gute Nachricht? 

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