POTPOURRI


Die Möglichkeiten von der Wahrheit zu sprechen sind unbegrenzt. Das gilt auch für den Irrtum und die Lüge. Wenn der  Mensch von seinem Leben erzählt - was lügt er hinzu?
Ich möchte mich ständig wandeln. Aber trotz meiner Widersprüche suche ich die Kontinuität, die zu einem individuellen Leben gehört. Warum soll ich mich immer nur ändern, um so zu bleiben wie ich bin?
Wie viel Lügen braucht der Mensch, um das Leben zu ertragen? Und welcher Mensch kann schon mit der Wahrheit umgehen? Wie soll ich mich da auf Worte verlassen? 

Spreche ich über das Leben, spiele ich mit den Wahrheiten. Und je länger ich rede, desto eher möchte man mir glauben. Solange ich auf meine Worte baue, gibt es keine Geschichte, die nicht wahr sein könnte. Oder übersetze ich unwahre Geschichten, damit sie wahr werden?  Verlogen bin ich nicht. Und doch gibt es kleine strategische Finten, die den Umgang zwischen den Menschen freundlicher gestalten. So wird das Leben schnell zu einem Potpourri anekdotischer Begebenheiten. Der Zuhörer hat eine unstillbare Sehnsucht nach Geschichten. Du musst ihm nur wie ein Kind ständig neue Lügengeschichten erzählen. Vor den Nichtwahrheiten fürchte ich mich nicht.

WIDERSPRUCH


Das Leben ist für jeden Menschen einzigartig. Wiederholbar ist es nicht. Ich versuche die Vergangenheit, die mit jedem Tag in weitere Ferne rückt, durch das Schreiben zurück zu gewinnen. Nur so lässt sich das, was wir erleben,  für die Gegenwart aufbewahren.

Ich lebe in einem Labyrinth der Widersprüche. Jeder Satz, der meine Lippen verlässt, geht in seinem Widerspruch auf. Aber gleichzeitig stehen alle Worte auf wundersame Weise in Verbindung:

Wer kann da das Paradies genießen, wenn er die Hölle nicht kennt? Und wie viel Mystik verträgt die Aufklärung? Wie kann ich von der Wahrheit sprechen, wenn ich nicht weiß, was falsch ist? Und wie süß ist das Süße, wenn ich das Saure nicht kenne?

Ein mächtiger Chor erhebt den Totalitätsanspruch an die grenzenlose Vielfalt der Stimmen. Jeder will gehört werden, um sich des Beifalls zu versichern. Entsteht so die Geborgenheit? Oder ist das das Leben unverwechselbarer Individuen? Wohin bin ich geraten?  Aber wie kann ich mich als Individualist fühlen, wenn es die Gemeinschaft der Stimmen nicht gäbe?

 

SCHWEIGEGELD


Lebt der Mensch nicht im Widerspruch zwischen Geburt und Tod? Tag und Nacht? Sommer und Winter? Wie oft versuchen wir die Natur zu überlisten - zerrissen wie wir sind? Da kann Dir das Lesen und Schreiben helfen. Oder weißt Du nicht um die Möglichkeiten Deiner Existenz?
Wenn Schreiber und Leser auf einander treffen - warum sollen da nicht molekulare Strukturen das Umfeld verändern? Auch wenn nicht jeder Glaube Berge versetzt, so sehne ich mich doch nach einem Leben, das ich als authentisch erlebe. Wie könnte ich sonst das Leben akzeptieren?
Warum also sollen wir uns nicht empören? Warum nicht um Möglichkeiten streiten ohne immer nur auf dem Wort „Wahrheit“ herumzureiten? Warum nicht utopischen Gedanken nachhängen?
Sicher, es ist schwer nachzuweisen, was wir mit Worten verhindern, wenn wir sie nicht aussprechen. Aber wenn Du  schweigst, demontierst Du Dich selbst. Hier beginnt die Lüge. Auch stillschweigend stimme ich Dir nicht zu. Und Schweigegeld bezahle ich schon gar nicht.
Ich brauche die Fiktion, um die Realität zu erleben. Nur so kann ich mein Leben retten. Wie kann da die Fiktion die Realität überholen? 

GUIDO & die Leitkultur


Ich liebe Deine Art wie Du mit den Worten umgehst, lieber Guido. Nein, wie Du das sagst:
„Ich spreche die Sprache die verstanden wir“ und „Wenn einer Kuh Flügel wachsen, kann sie fliegen und ist ein Vogel“ Du überrascht mich immer wieder neu.

Du bist nicht nur ein Diplomat, wenn Du auf Reisen gehst, sondern auch ein Dichter, wenn Du unter Dein Volk trittst. Dabei hast Du wahrlich eine engelhafte Geduld mit uns uneinsichtigen Wählern und Hartz-IV Proleten. Das wird Angela freuen. Und die Tatsache, dass Du auch „anders“ kannst, wie man erst neulich von Dir hören konnte, wird Angela beruhigen, aber mich überrascht das nicht. Denn Du als  wahrhafter Populist weist: “Wenn bei den Großen einer Pleite geht, dann kommt der Bundesadler, wenn bei den Kleinen einer Pleite geht, dann kommt der Pleitegeier.” Das nenne ich Logik.
Aber wenn Du dann aber das Wort Hartz-IV in den Mund nimmst, lieber Guido, dann weiß jeder wie das Gesicht der deutschen Leitkultur aussieht. Frisch gewaschen und ohne Herpes. Das war nicht immer so. Übrigens, was ich Dich immer fragen wollte, bist Du irgendwie verwandt mit dem Roland Koch?
Übrigens gebe ich Dir noch zur späten Stunde einen guten Rat:

Nimm doch einfach dieses nervige Hartz-IV Gesockse in Vor- Beugehaft. Dann können sie nicht mehr ihr Geld unter ihrer Matratze hervorkramen.

 

 

LOTHAR - der Psychiater

Lothar war ein Lebenskünstler mit wachen Augen. Ihm fiel es nicht schwer sich auf andere Menschen einzustellen. Da wusste er natürlich, was seine Klienten von ihm erwarteten: Kompetenz und Menschlichkeit.
Ich weiß nicht, ob er ein guter Arzt war. Vielleicht hasste er auch nur die Krankheiten zuwenig. Denn soweit ich weiß, war er, Lothar, in seinem Leben noch nie krank gewesen. Vermutlich interessierten ihn deswegen auch weniger die Krankheiten, als die kranken Menschen.  Aber deswegen arbeitete er als Psychiater. Das immerhin fand ich konsequent…
Lothar war ein höflicher Mann. Er half den Frauen in den Mantel, aber sein Lächeln gefror nie auf seinen Lippen. Vielleicht erinnerte auch seine Art von Höflichkeit daran, wie sachlich die Welt geworden war.
Was ich aber immer als wohltuend empfand, war, dass er auf dieses therapeutische „Wir“ der Ärzte, die immer alles besser wissen, als bezweifelten sie die Lernfähigkeit ihrer Patienten, verzichtete. Denn jeder Mensch möchte auf seine Weise verstanden werden. Es gibt Erfahrungen, die jeden betreffen. Dabei verfiel er, Lothar, gelegentlich in ein vertrauliches „Du“, das ich allerdings nicht mochte.
Immerhin, er konnte seinen Patienten aufmerksam zuhören, selbst dann, wenn er an etwas Anderes dachte.

Vermutlich sagte sich Lothar:

Ich, der Psychiater, bin hier der Regisseur, der sein Sprechzimmer in einen Theaterraum verwandelt, um mit den Patienten das Stück: “Dein ist mein ganzes Herz…!” zu spielen.

Und schon bewegen wir uns im Land des Lächelns. Eine Schnulze, die auch mich garantiert zu einem gerührten Zuschauer werden läßt. Warum soll ich da nicht auch mal sentimental werden? Ich kann da doch nicht einfach verschwinden.

Und so finde ich als Psychiater für jeden ein gutes Wort. Denn nur so bin ich in der Lage den Menschen in die Karten zu blicken. Schließlich lebe ich davon, dass ich ihnen die Wünsche  von den  Lippen ablese. So weiß jeder für sich, daß er verstanden wird. Oder, um es anders zu sagen, er, der Patient, kann so weiterleben wie bisher…

Was soll ich also mit ihnen diskutieren? Ich  behandele sie so wie sie es von mir erwarteten können. Immerhin haben sie für ihre  Versicherungspolice bezahlt. Dabei bin ich immer wieder erstaunt, daß von ihnen  nur die Meinungen toleriert werden, die auch die Mehrheit akzeptiert.

Obwohl, über die Jahre hinweg, kann ich mittlerweile sagen, was ich will, ohne daß man immer versteht, was ich sage. Bei meinem Beruf setzt man Ansichten vorraus, die jedem Blick standhalten. Denn ich vermittele die Illusion für alle da zu sein. Und so bin ich zu sympathisch, um ehrlich zu sein.
Dabei weigere ich mich oft den Standpunkt jenseits von Gut und Böse einzunehmen. Auch mich traf die Erbsünde. Aber ich verstehe es meinen Alltag so zu inszenieren, als hätte ich meine Lebensziele schon lange erreicht. Dabei suche auch ich immer noch meine Undine, um endlich meine Xantippe zu Hause zu vergessen…

 

PS

…denn, was Sie als Leser nicht wissen können, Lothar lebte in Scheidung.

 

 

Voll Zärtlichkeiten nach der Erde greifend

        

Hans Claßen (*1953); Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)  

   

Rainer Maria Rilke

     

Vorfrühling 

   

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung

an der Wiesen aufgedecktes Grau.

Kleine Wasser ändern die Betonung.

Zärtlichkeiten, ungenau,

    

greifen nach der Erde aus dem Raum.

Wege gehen weit ins Land und zeigens.

Unvermutet siehst du seines Steigens

Ausdruck in dem leeren Baum.

      

   

Hans Claßen  

   

Vorfrühling

 

                        Eingedenk Rainer Maria Rilke 

 

Der Erde schweres Fallen wach begreifend …

    Die Hand, die fiel

        Und lange Briefe schrieb … 

 

Die durch Alleen getrieben, wandernd, reifend,

    Voll Zärtlichkeiten

        Nach der Erde greifend – 

 

Und unvermutet ihre Leere streifend –

    Mit ihr aus Bäumen

        In die Räume stieg …

 

[Quelle/© http://www.hans-clahsen.de/ ]