Christine-Koch-Gesellschaft: Literatur 2010

Poetischer Herbst Masuren 2007 (v. l.): Monika Schreckenberg, Kazimierz Brakoniecki, Joanna Felis, ten Haaf, Johanna Claßen

 

Sauerland und Masuren, zwei ländliche europäische Regionen, bahnten im Mai 2000 eine Partnerschaft durch Literatur an, die im Dialog von Schriftstellern nachhaltig zu Verständigung und Freundschaft führte. Zur Feier des zehnjährigen Jubiläums lädt die Christine-Koch-Gesellschaft wie damals, als dieser Dialog ein breites, an der deutsch-polnischen Verständigung interessiertes Publikum fand, Schriftsteller der polnischen Partnerregion ein. Unter dem Motto „Poetischer Sommer 2010“ finden vom 2. bis zum 7. Juli abwechslungsreiche Veranstaltungen in Arnsberg, Medebach – Düdinghausen, Meschede, Rüthen, Schmallenberg und Sundern statt. In diese Jubiläumswoche fällt am 4. Juli auch eine Literaturfahrt zur Weltkulturerbe-Zeche Zollverein Essen, dem Ort des Eröffnungsevents für die „Europäische Kulturhauptstadt Ruhr.2010“. Thema ist die literarische Aufarbeitung ostdeutscher und polnischer Arbeitermigration in die Zentren der aufkommenden Industrie um 1900. Für eine Reise in der zweiten Oktoberwoche nach Rom, zu Wirkungsstätten deutscher Dichter in der ewigen Stadt, sind alle Reiseplätze schon ausgebucht. Eine Woche zuvor, am 1. Oktober, wird im Golfplatzcafé Schmallenberg ein Buch über die Literaturpartnerschaft Sauerland – Masuren vorgestellt. Dazu schreibt die literarische Gesellschaft für Südwestfalen bis zum 25. April 2010 einen Wettbewerb aus. In der Förderung junger Autorinnen und Autoren setzt die Christine-Koch-Gesellschaft mit ihrem „Forum Junge Poesie“ auf öffentliche Lesungen. Am 3. Mai im Alten Kino Lichtwerk Schmallenberg. Und am 10. September zusammen mit bekannten Schriftstellern in Beckum auf dem Landsitz Schulze-Pellengahr. Außerdem können sich Autorinnen und Autoren im Alter von 15 bis 25 Jahren für eine kostenlose Teilnahme an einem Begabtenförderseminar über literarisches Schreiben bewerben (Mail: Hans-Clahsen.Dichter@t-online.de). weiterlesen ‘Christine-Koch-Gesellschaft: Literatur 2010′

Ob er den Herd abgestellt hatte…?


Herr Urmann lächelte immer sein komisches Lächeln, als erzähle er sich selber Witze und seine Stimme klang nach Ausrufezeichen. Denn Herr Urmann war pedantisch. Darauf konnte er sich verlassen. Und so war es natürlich klar, dass Herr Urmann immer Recht hatte. Denn er hatte Grundsätze. Aber er wäre nie auf die Idee gekommen diese Grundsätze zu verletzten. Immerhin…
Derartige Gedanken wies er ohnehin schon im Ansatz weit von sich, während er, Herr Urmann, nervös mit den Fingern zuckte, als müsse er Fliegen vertreiben. Dabei benahm er sich wie ein Mann, den man um Rat fragte, der aber nicht bereit war, eine Antwort zu geben.
Wäre er doch nur einmal untreu zu sich selbst, dachte ich oft. Dann hätte man ihm noch helfen können.
Aber selbst wenn er nur eine halb gelungene Kopie von sich selber gewesen wäre, hätte das Herrn Urmann nicht gereicht. Denn wenn er sich damit begnügt hätte, hätte er sich mit allem begnügt!
Dafür kannte ich Herrn Urmann zu lange…
Kurz, irgendwann herrschte in seiner Welt, in seinem zu Hause, die Einsilbigkeit. Warum also sollte er da nicht wie ein trotziges Kind schweigen, wenn er nicht mit sich selber sprechen wollte?
Allerdings runzelte Herr Urmann oft genug die Stirn, als gäbe es schlechte Nachrichten. Aber solange er hier in seiner Wohnung für Ordnung sorgte, gab es kein Schicksal auf der Welt, das  ihm sein Leben hätte streitig machen können. Da war sich Herr Urmann sicher. Selbst dann nicht, wenn zwischen Leben und Tod auch nur eine Zehntelsekunde liegen mochte.
Und so schlich Herr Urmann jeden Tag immer wieder auf Socken durch seine Wohnung und murmelte vor sich hin, während er mit flinken Augen darauf achtete, dass alles, was zu seinem Haushalt gehörte, nicht seinen Platz verlassen hatte. Dabei neigte er seinen Kopf prüfend hin und her, zwinkerte mit den Augen und spitzte die Nase, als nehme er Witterung auf:
Ob er den Herd abgestellt hatte…? Und wie war das mit dem Licht…?
Dabei suchte er seine Taschen ab, bis er endlich die Schlüssel gefunden hatte. Und schon lief er in das nächste Zimmer, um einen Wohnungsbrandbrand zu verhindern. Immerhin hatte seine Wohnung sechs Zimmer und noch einen Abstellraum.
So kroch also Herrn Urmann ständig die Angst in die Achselnhöhlen und er musste am Tag mehrfach  duschen, denn er hasste seinen Schweißgeruch. Und, wie er mir sagte, bezog er ja nicht jeden Tag frisch sein Bett, um dann am Ende ungewaschen zwischen wohl duftenden Laken zu sterben. Selbst in seinem Abschiedsbrief stand, dass eine Garnitur frischer Unterwäsche in seinem Nachtschrank liege…
Nach seinem letzten Kontrollgang also ließ sich Herr Urmann in seinen Sessel fallen, der in der Fensternische stand. Dabei duckte er sich noch, um durch das beschlagene Fenster zu sehen. Draußen regnete es, als es an der Haustür schellte…

 

Nachtgedanken: “Schicksal” & Schicksal


Ja, wenn man vom Schicksal spricht, stellen sich schnell die Schicksalsfragen. Davon lebt so mancher Fernsehkanal. Und die „guten und die schlechten Zeiten“ bürgen für hohe Einschaltquoten. Denn nach einem festgeschriebenes Drehbuch agieren hier junge Protagonisten wie Marionetten, die sich gegenseitig an ihren Fäden ziehen, um so die Schicksalsfragen einer konsumorientierten Welt dramatisch aufzuführen:
Bin ich schön? Warum nicht? Und wieso? Oder so ähnlich.
Ist das schon der Sinn des Lebens, das doch immerhin im Tod endet? Aber das, was nicht ins Bild passt und Fragen, die die Handlung verwirren ohne das Schicksal zu versöhnen, landet in der Asservatenkammer.
Denn am Ende dieser „schicksalhaften“ Verwicklungen, in die die  Protagonisten verwickelt werden, steht immer das Happy-end oder die glückliche Fügung. Denn jeder Regisseur derartiger Geschichten weiß:
Das Leben der anderen Menschen ist für den Zuschauer immer nur dann faszinierend, wenn er so noch nie gelebt hat.
Wer sich aber jetzt bei derartigen Schicksalsfragen sprachlos seinem Schicksal ergibt, weil er glaubt, dass in seinem bisherigen Leben immer etwas fehlte, dem ist nicht mehr zu helfen. Vielleicht glaubte er bisher diese Art von Schicksalsergebenheit sei eine Philosophie. Mit dieser Behinderung kann man leben…
Zugegeben, in der Welt der Freizeit und des Konsums ist es gar nicht so einfach, wenn die Geschichte über Dich hinweggeht.
Kurz, ich lasse mich da nicht vertrösten. Ich habe da schon ganz andere Schicksale erlebt, von denen die Medienwelt nichts hören will.
Und ich bin auch nicht der Typ, der seine verschwitzten Hände am Hosenbein abreibt wie ein ältlicher Firmling, der sich sein Leben schicksalhaft erklärt.
Denn für mich kommt es nicht darauf an, was ich sehe und erlebe. Für mich ist wichtig, wie ich das, was sich Leben nennt, verarbeite…
Aber wie Sie schon feststellen können - ich achte auf den Tonfall meiner Worte. Und als Ungläubiger male ich mir natürlich aus, wie schön es wäre, wenn ich an das Schicksal glauben könnte.
Aber bei plötzlichen Bekehrungen bin ich vorsichtig. Da traue ich mir selber nicht über den Weg. Dafür schreibe ich hier und kann nicht anders…
Obwohl, warum soll Gottes Finger nicht gerade auf mich zeigen? Ich bin durchaus telegen, auch ohne apostolischen Eifer.
Nun gut, der Mond mag unser Leben beeinflussen. Aber ist unser Schicksal wirklich von den Himmelskörpern abhängig?  Und was treibt den Menschen an sich in Fantasiewelten zu flüchten? Hirnforscher glauben im Gehirn Zentren gefunden zu haben, die für derartige Neigungen empfänglich sind. Meinetwegen.
Ich verlasse mich da lieber auf meine Art von Ironie, mit der ich mich diskriminiere und wahnwitzig verfolge.
Wer will mir da vorwerfen, wenn ich mich selber verletze. Und je mehr ich leide, desto sensibler registriere ich wie sich das Schicksal in den Vordergrund schiebt. Ich aber lasse mich nicht in die Statistenrolle drängen und drehe dem Schicksal eine Nase, um mich in die Statistenrolle zu drängen.

 

TomTom


Sein Atelier erinnerte an eine Lagerhalle in einem verlassenen Gewerbegebiet. Da wusste man nie, war er soeben eingezogen oder vielleicht stand doch schon der Umzugsbulli vor der Tür? Ich bin mir nicht sicher, ob er jemals seine Miete bezahlen konnte. Und wenn nicht, die Halle hätte sowieso leer gestanden.
Wenn ich aber TomTom besuchten wollte, fühlte ich mich in diesem versteppten Gelände, in dem die Halle lag, immer wie ein Verdächtiger, der ein unverschlossenes Fenster sucht, um einzusteigen.
Als hinter mir die Eisentür ins Schloss fiel und ich im Gegenlicht TomTom unter dem grossen Fenster bei der Arbeit sah, glaubte ich für einen Augenblick eine versunkene Kultur zu betreten.
TomTom hockte auf wundersamer Weise raubtierhaft auf einem länglichen, baumdicken Holzblock, den er schon seit Wochen bearbeitete. Sein Hemd hing aus der Hose und seine Haare standen wirr  vom Kopf. Gelegentlich zuckte er wie ein Tier, das sich lästiger Fliegen erwehrt, um sich dann mit dem Ärmel über das Gesicht zu fahren.
Dabei grinste er vor sich hin wie ein Verschwörer, der sich in seinem Versteck sicher fühlte. Dieser Mensch brauchte kein schönes Wetter, um glücklich zu sein. Gelegentlich klopfte er zärtlich das Holz ab, während er sich mit dem Oberkörper weit nach Vorne beugte und andächtig lauschte, als erwarte er ein Lebenszeichen.
Als er mich aber sah, hob er seine Hand und rief mir zu:
„ Die Kunst grüßt das Handwerk!“
Und ich sagte dann jedes Mal:
„Störe ich Dich?“
TomTom aber lächelte nur, während sich sein Gesicht maskenhaft verzog:
„Wenn ich nur dann Menschen treffen wollte, wenn ich keine Arbeit habe, wäre ich immer allein…“
Ich glaube er war froh, wenn man ihn von seiner Arbeit abhielt. Dann hockte er plötzlich entspannt auf seinem Holzblock wie ein Kind, das die Beine baumeln liess.
TomTom hielt mir die Zigarettenschachtel hin, bevor er sich selber eine ansteckte:
„Streß?!“ sagte Tomtom und sah mich gutmütig an.
„Das Wort kannst Du ja nicht einmal schreiben…,“ sagte ich und liess mich in den Sperrmüllsessel fallen.
„Ich hatte Glück in meinem Leben, “ sagte Tomtom sachlich. „ Mein Vater hat mich schon früh aus dem Haus geworfen. Und so lernte ich sozusagen über Nacht auf alles zu verzichten, an das ich mich hätte gewöhnen können. Damals gab es einen Punkt in meinem Leben, an dem ich für mich erkannte, dass ich weder erwachsen werden wollte, noch war ich bereit mein Leben so ernst zu nehmen wie es meine Umwelt von mir erwartete.“
„Diese Erkenntnis macht frei…, “ sagte ich und streckte die Beine von mir.
„Ja…, “ sagte TomTom und er klang zufrieden: „ Ich verlangte noch nie viel von meinem Leben. Aber immerhin wollte ich immer mein eigenes Leben leben.

Selbst heute noch bin ich erstaunt, daß die Gesellschaft sich Pläne für die Menschheit ausdenkt, aber wenn man als Einzelner glaubt eine Vision verfolgen zu müssen, schüttelt jeder den Kopf.
Kurz, ich hatte noch nie Lust auf Dinge zu reagieren, die sich sowieso von selbst verstehen. Und so wollte ich auch nie im Windschatten meiner Eltern leben. Und schon gar nicht im Windkanal meines Vaters. Das Witzige dabei ist nur, ich wurde am selben Tag wie mein Vater geboren. Sogar fast zur gleichen Stunde. Nur 27 Jahre später.

Aber der Volksmund behauptet ja: man lerne aus seinen Fehlern. Damit habe ich also schon früh begonnen..,,“ lächelte TomTom schief.

„Also, Deinen Vater kenne ich noch, “ sagte ich sachlich.
“Und…?“  sagte TomTom.
„Du hast wirklich viel Ähnlichkeit mit ihm…“
„Vorallem habe ich seinen Jähzorn geerbt, “ lächelte TomTom, als fühlte er sich bestätigt.
„Vielleicht bist Du deshalb Bildhauer geworden…“
„Das macht Sinn…, “ lachte TomTom, der noch immer rittlings auf dem Holzblock saß. „Für dieses verdammte Material hier braucht man eine unendliche Wut. Du siehst ja selber, es wird nicht mehr lange dauern, dann werde ich meine Frau aus diesem Holz befreit haben…”
„Das dauert noch…, “ sagte ich. „… aber um diese Arbeit beneide ich Dich nicht…“
TomTom sog an seiner Zigarette und lächelte:
„Aber sie mal, immerhin hat sie schon ein Bein ausgestreckt…“
„Du bist der Gott, der seine eigene Frau erschafft…,“ sagte ich und blätterte in einem zerfledderten Ausstellungskatalog.
„Aber dieses verdammte Weib ist noch sturer, als es die Natur erlaubt, “ sagte TomTom und stieß sein Schneidewerkzeug erneut in das Holz, als sei er wütend.

Wer ist schon perfekt?

Die Medienwelt umstellt uns mit ihren Normen. Aber wer erfüllt die schon?
Was macht  also ein Mensch mit zu großem Mund oder zu kleinen Augen? Und wie soll er, der Mensch, mit seinem tiefen Haaransatz leben? Oder mit seinem kahlen Kopf? Aber auch die Schuppenflechte oder ein Gebiss sind nicht attraktiver, als eine schiefe Nase.
Immerhin, selbst der Misanthrop hat narzißtische Züge. Das kann beruhigen…
In meinem Berufsleben versuche ich den Menschen den Spiegel vorzuhalten, in dem sie das Gesicht finden, mit dem sie leben können. Vor mir muss sich niemand fürchten. Mich interessiert nicht das Primat einschüchternder Ästhetik. Und mein: „Wer ist schon perfekt?“ versöhnt die Patienten mit sich selbst. Sie haben ein Anrecht auf meinen Trost. Denn immerhin haben sie sich freiwillig in diese widersprüchliche Situation begeben, in der sie den Arzt, einen fremden Menschen, ins Vertrauen ziehen.
Aber gleichzeitig muss der Patient das Gefühl haben, dass ich, der Arzt, sie mit meinen Worten sezieren möchte. Nicht, um sie zu zerstören, sondern um das freizulegen, was jeden einzelnen zum Individuum macht.
Oft hilft da schon ein Stichwort. Und schon schnippt  der eine oder andere sozusagen mit den Fingern nach dem Motto:
Genau, das ist der Punkt…!

Ich freue mich wie ein Kind, wenn ich den Code finde, der die Welt meiner Patienten nicht aus den Angeln hebt, sie aber doch erschließt. Und manchmal wünschte ich mir ich könnte ihre Welt mit meinen Worten verzaubern. Ich kann gut zuhören. Das ist bekannt.  Nur gelegentlich schüttele ich meinen Kopf wie ein nachsichtiger Beichtvater. Auch das kann beruhigen…

 

NACHTGEDANKEN mit feuchtem Zeigefinger


Ich schreibe das, was ich gerne lesen würde. Dabei wünschte ich mir so schreiben zu können, dass das, was ich schreibe, nicht noch einmal geschrieben werden muß.

Noch habe ich Zeit meine Fragen zu stellen. Und ich suche nach den Antworten, die mich überraschen. Das macht mich glücklich. Da brauche ich keinen Moralapostel, der mir seine Worte diktiert. Mich kann man nicht auf eine Rolle festlegen. Und schon gar nicht auf das Alter. Und falls ich noch etwas zu sagen habe - das kann dauern…

Wer wollte mir also vor schreiben, was erlaubt ist oder verboten? Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, bin ich auch nicht bereit, umgehend diese säkularisierte Welt  zu vergessen. Denn ich kann schwimmen. Und so werde ich nicht wie ein Ertrinkender atemlos nach jedem Balken grapschen - selbst wenn er behaupten würde Gott zu sein.

Ich experimentiere also weiterhin in meinem Wortlabor. Ich destilliere meine Buchstaben und mische daraus eine Essenz mit langer Halbwertzeit - wie ich hoffe. Wenn ich dann aber glaube, den Satz gefunden zu haben, den ich nicht mehr korrigieren muss, werde ich übermütig. Dann bestreiche ich mit dem feuchten Zeigefinger mein hauchdünnes Weinglas und genieße den glasklaren Klang. Auch diese Art der Vollkommenheit macht mich glücklich…